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Genre
Drama
Regie
Quentin Tarantino
Dauer
162
FSK
16
Land
USA
Jahr
2019

ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD


Tarantinos Filme sind von jeher Stoff für erhitzte Diskussionen: Verherrlicht er Gewalt? Kritisiert er Gewalt? Ist er ein misogyner Bastard? Oder ein intelligenter Feminist? Ein Hateful Spinner? Oder einfach einer der größten lebenden Regisseure der Welt, vor dem man niederknien muss? Wie auch immer Sie sich entscheiden, sein neuer Film ist eine Liebeserklärung an das Medium Film an sich und erzählt detailverliebt und stilsicher die Ära des Untergangs des alten und glamourösen, verruchten und verwunderlichen Hollywoods und noch vieles mehr. En Must-see für Cineast*innen - selbst wenn man sich die Augen zuhalten muss an der ein oder anderen Stelle.

Hollywood, Februar 1969. Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) ist Schauspieler, der sich seit Jahren mit Rollen in Fernsehproduktionen über Wasser hält. Einst war er auf dem Sprung zum Leinwandstar, doch inzwischen ist seine Karriere auf dem absteigenden Ast. Sein ständiger Begleiter ist Cliff Booth (Brad Pitt), der früher Ricks Stuntman war, nun jedoch eine Art Mädchen für alles ist.

Während Cliff allein mit seinem Hund in einem Wohnwagen im Schatten eines Drive-In-Kinos wohnt, lebt Rick in den Hollywood Hills, genauer gesagt am Cielo Drive. Seit einigen Monaten hat er einen neuen Nachbarn: Der Starregisseur Roman Polanski und seine junge Frau Sharon Tate (Margot Robbie) sind eingezogen und genießen das Leben zwischen Palmen und mondänen Partys.

Während Rick dank des umtriebigen Agenten Marvin Schwartz (Al Pacino) das Angebot bekommt, in Rom einen Spaghetti-Western zu drehen, läuft Cliff immer wieder ein junges Hippie-Mädchen (Margaret Qualley) über den Weg, dem er schließlich einen Lift gibt. Es geht zur ehemaligen Western Stadt Spahn's Movie Ranch, wo sich inzwischen eine Hippie-Clique eingenistet hat, angeführt von Charles Manson.

In „Inglourious Basterds“ hatte Quentin Tarantino die Geschichte des Zweiten Weltkriegs umgeschrieben und Adolf Hitler in einem Kino in eine aus brennendem Zelluloid gespeiste Feuerhölle getrieben. Als der Auteur ankündigte, einen im Jahr 1969 spielenden Film zu drehen, in dem es auch um die Morde der Manson Familie gehen würde, war zu befürchten, dass er die Geschichte auf ähnlich brachiale Weise umschreiben würde. Einerseits tut er dies in einem furiosen, bizarren Finale, andererseits geht Tarantino erstaunlicherweise sehr sensibel und respektvoll mit der Realität um.

Denn streng genommen geht es in „Once Upon A Time...In Hollywood“ weder um die Manson-Morde noch um andere fiktive oder reale Figuren. Der wahre Hauptdarsteller des Films ist Hollywood, vielleicht auch der Mythos eines Hollywoods, wie es in dieser Form nie wirklich existiert hat, so oder so aber längst verschwunden ist. Die sehr lose Handlung ist kaum mehr als ein Korsett, das Tarantino 160 Minuten lang dazu nutzt, seine Filmbegeisterung in Bilder und Töne zu kleiden.

In praktisch jeder Einstellung des Films sind mal im Vordergrund, meist im Hintergrund Verweise an eine längst vergangene Ära zu erkennen, finden Treffen in legendären Restaurants wie dem „Musso & Frank Grill, sieht man die Neon-Fassaden der Kinos leuchten, in denen Filme wie „The Wrecking Ball“ oder „The Night They Raided Minsky's“ laufen, größtenteils längst vergessene Filme einer verklärten Ära. Doch diese Fassade hat längst Risse bekommen: Im Radio ist vom Krieg in Vietnam die Rede, der Filmindustrie stehen gravierende Umbrüche bevor und die Manson-Familie steht kurz davor, mit den Morden an Sharon Tate und anderen den Sommer der Liebe endgültig zu beenden.

Zumindest in der Realität. Denn im Kino, erst recht in einem märchenhaft betitelten „Es war einmal...“ hat gerade ein Regisseur wie Quentin Tarantino die Freiheit, eine Ära zu verklären und ewig weiterleben zu lassen. Selbst erlebt hat Tarantino diese Zeit nicht wirklich, 1969 war er fünf Jahre alt, doch er wuchs in Los Angeles auf und wurde hier, vor allem in der Welt des Kinos, sozialisiert. Mehr als alles andere ist „Once Upon A Time...In Hollywood“ nun eine Liebeserklärung an das Kino und an eine Stadt.

Lustvoll mäandernd bewegt sich Tarantino durch diese Welt, wie immer unterlegt mit einem Soundtrack voller bekannter und weniger bekannter Songs, in das goldene Licht Kaliforniens getaucht, mal voller Energie und Lebensfreude, etwa wenn Polanski und Tate im offenen Sportwagen durch die Hollywood Hills rasen, um im Playboy Mansion eine dekadente Party zu besuchen, mal sinister und vom kommenden Zerfall geprägt, wenn auf der Filmranch das Ende der Hippie-Ära naht. Etliches in den 160 Minuten ist Stückwerk, einerseits könnte man viele Einzelszenen, ja ganze Figuren streichen, ohne dass etwas fehlen würde, andererseits ist gerade dieses lose, unfokussierte Erzählen die größte Qualität des Films. Je nach Sichtweise könnte man „Once Upon A Time...In Hollywood“ am Ende als selbstgefällig und langweilig abtun, oder sich von Tarantinos Lust mitreißen lassen, einer untergegangenen Epoche des Hollywood-Kinos ein Denkmal zu setzen.