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Genre
Regie
Christian Petzold
Dauer
92
FSK
12
Land
Deutschland
Jahr
2019

BITTE - besorgen Sie sich für diese Veranstaltung ONLINE TICKETS, um die Einhaltung der Hygienevorschriften zu erleichtern. Der Einlass ins Kino findet über den Seiteneingang statt, Sie werden dann platziert. Außer an dem Ihnen zugewiesenen Platz bitten wir Sie, im Haus Maske zu tragen. Eine Möglichkeit, ein Getränk zu kaufen, wird es im Kinosaal geben. Kein Einlass nach Beginn des Films.
Vielen Dank für Ihr Verständnis!

Undine


Wir freuen uns, Ihnen und Euch eine Preview von Christian Petzolds aktuellem Fillm zeigen zu können, bevor er dann Mitte Juli regulär bei uns läuft. 

Drei Filme lang begab sich Chritian Petzold in die deutsche Vergangenheit, nun kehrt er mit seinem neuen Film „Undine“ in die Gegenwart zurück. Hier im Berlin des 20. Jahrhunderts erzählt er eine Geschichte zwischen Mythologie und Realität, verwebt märchenhafte Motive mit einem skeptischen Blick auf eine Stadt, der ihre Geschichte eingeschrieben ist. So wie dem von Paula Beer und Franz Rogowski gespielten Liebespaar.

Hat Berlin eine Zukunft? Kann sich die deutsche Hauptstadt von der Last ihrer Geschichte befreien, die Vergangenheit hinter sich lassen und die Zukunft frei und offen gestalten? Und ist das überhaupt wünschenswert? Vor vielen Jahren hatte sich Christian Petzold in „Gespenster“ schon einmal dezidiert mit dem neuen Berlin beschäftigt, hatte am gerade neu erbauten Potsdamer Platz eine Geschichte zwischen Architekturfilm und Mythologie inszeniert. Damals war das Grimmsche Märchen „Das Totenhemd“ nur ganz unterschwellig zu erkennen, diesmal ist schon im Titel deutlich, dass er den Undine-Mythos als Basis für seine Geschichte gewählt hat. Paula Beer spielt diese Undine, die als Historikerin im Amt für Stadtentwicklung arbeitet.

Vor Modellen, die die Stadt in unterschiedlichen Stufen und Stadien ihrer Entwicklungen zeigen, hält sie Vorträge, die vom alten und neuen Berlin erzählen, vom geteilten Berlin, das nach der Zerstörung des Zweiten Weltkrieges wie zwei Fremdkörper existierte und auf unterschiedliche Weise, auch mit unterschiedlichen Architekturkonzepten wieder aufgebaut wurde. Nach der Einheit begann dann der schwierige und noch lange nicht vollendete Prozess des Zusammenwachsen, der Versuch, eine gemeinsame Geschichte zu finden. Ein wichtiger Aspekt dabei: Das Schließen von Baulücken, das Überschreiben der Vergangenheit mit Gegenwart und vielleicht auch Zukunft. Ein besonders prägnantestes Objekt: Ein Ort im Herzen der Stadt, nicht weit von der Stelle entfernt, an der einst der Ort gegründet wurde, der dann irgendwann Berlin wurde. Hier stand einst das Stadtschloss, dessen Ruinen nach dem Zweiten Weltkrieg gesprengt wurden, später vom Palast der Republik ersetzt, der dann in einem weiteren Akt der Geschichtszerstörung ebenfalls abgerissen wurde und nun wiederum durch das wiederaufgebaute Schloss, das Humboldt-Forum ersetzt wird.

Was hat das mit der Liebe zu tun? Nichts und Alles. Die Bezüge zwischen den Momenten in „Undine“, die wie eine Geschichtsstunde wirken, und der Hauptgeschichte, die von der Liebe zwischen Undine und Christoph (Franz Rogowski) handeln, stellt Petzold nicht aus, er deutet sie nur an. Ganz am Anfang ist Undine von einem anderen Mann verlassen worden, von Johannes (Jakob Matschenz), den sie warnte: Da er gesagt hat, dass er sie liebt, darf er Undine nicht verlassen, ansonsten wird sie ihn töten müssen. Doch dann platzt Christoph in ihr Leben, in einem Café, in dem ein Aquarium steht, das unter der Kraft der Emotionen zerbricht. Im Strom des Wassers liegen Undine und Christoph und sind fortan unzertrennlich.

Christoph arbeitet als Taucher, nimmt Undine einmal mit zu einem Wrack, an dem er schweißt. Einen Augenblick ist er abgelenkt, da schwimmt Undine mit einem riesigen Wels davon, ertrinkt fast und wird nur durch Christophs Kuss gerettet. Hin und her geht ihre Liebe, ein Moment der Eifersucht droht alles zu zerstören, doch am Ende ist die Liebe stärker als der Tod.

Oft hat Christian Petzold seine in der Realität angesiedelten Erzählungen mit einer Ebene des Fantastischen überzeichnet, doch noch nie standen die mythischen, fast märchenhaften Motive so sehr im Vordergrund wie hier. Immer rätselhafter werden die Ereignisse, Tote erwachen zum Leben, Liebende gehen ins Wasser, Liebesgeschichten enden, neue beginnen. Doch auch wenn das Vergangene durch Neues ersetzt ist, bleibt das Vergangene dem Neuen eingeschrieben. So geht es in der Liebe, so geht es in Berlin, einer Stadt, die sich im Lauf der Geschichte und besonders in dem letzten hundert Jahren immer wieder verändert hat, immer noch auf der Suche nach sich selbst ist und doch nie wirklich findet. Ob das auch für Christoph gilt, bleibt am Ende von „Undine“ offen, doch eins ist klar: Christian Petzold ist hier eine wunderbare Ode an Berlin und die Liebe gelungen.

 

 

Laufende Wasserhähne, Stauseen mit blockiertem Ablauf, berstende Aquarien. Lange nicht mehr wurden die Bewegungen unseres Seelenlebens im Kino so hydraulisch illustriert. In Christian Petzolds „Undine“ sickert und tröpfelt das Wasser durch die Spalten einer Welt, die sich rational wähnt, aber sich nicht abdichten lässt. Schon gar nicht gegen alte Mythen. Das Begehren und die Aggression suchen sich in „Undine“ immer einen Weg: Aber das ist hier gar kein Rückgriff auf die Psychoanalyse (die sich gerne auf solche Wassermetaphern bezog), sondern auf noch ältere Motive aus der Literatur.

Die Geschichte der Wasserfee Undine hatte immer schon eine liebliche und eine drastische Seite. Die bezaubernde Undine bringt einen harten Ehevertrag mit: Wenn sich ihr Geliebter abwenden sollte, dann droht ihm der Tod. So haben es das mittelalterliche Stauffenberg-Gedicht und später der romantische Dichter Friedrich de la Motte Fouqué erzählt. „Undine“ von Christian Petzold macht einen Hybrid aus dem alten Stoff, aus Ingeborg Bachmanns Neuinterpretation („Undine geht“), und aus den Phantasien, die er jetzt bei seinem freien Hinterherträumen dazu addiert hat. 

„Undine“ lässt ein altes Märchen im Heute erwachen, mit einer Heldin, die nun als promovierte Historikerin für die Berliner Senatsverwaltung arbeitet und in einem Hochhaus am Hackeschen Markt wohnt. Sie macht Führungen durch die Dauerausstellung, in der die großen Stadtmodelle präsentiert werden. Dabei räsoniert sie ebenso passend über das neue, „täuscherische“ Stadtschloss wie über die Wohnraumspekulation, die in Berlin auch vor mehr als hundert Jahren ein Thema war. Mietpreisbremse und „Berliner Romantik“, das passt überraschend gut zusammen. 

Paula Beer vereint selbst beide Motivkreise, das Moderne und das Archaische in sich. Obwohl als Wasserwesen besetzt, wirkt sie hier sehr viel geerdeter als in Petzolds letztem Film „Transit“ (2018). Sie ist eine nur auf den ersten Blick zarte Erscheinung, der man die neue Verliebtheit in einen Industrietaucher (wunderbar wandelbar: Franz Rogowski) bald ebenso abnimmt, wie die Morddrohung an den verfließenden Partner (Jacob Matschenz): „Wenn du mich verlässt“, sagt sie zu diesem, „dann muss ich dich töten. Das weißt du doch!“.

Aber ist das nur eine Phantasie von ihr? Etwas das sich Liebende sagen können, wenn sie maßlos enttäuscht werden, das sie aber niemals umsetzen werden? Petzolds Film lässt in der Schwebe, ob das eine aufblühende Psychose  ist, oder ein Ringen mit Kräften aus einer Zauberwelt. So beginnt „Undine“ immer stärker zu oszillieren zwischen naivem Märchenfilm, Liebesmelodram und Psychothriller, mit einer Heldin, die vielleicht wirklich nach Jahrhunderten der Forschungen an den Menschen auf einmal neue Gefühle entdeckt. Dass ihr frischer Geliebter Christoph in seinem Industrietaucheranzug so aussieht, als wäre er gerade aus Richard Fleischers „20.000 Meilen unter dem Meer“ (1954) an Land gegangen, ist natürlich kein Zufall. Auch er ist eine modernisierte Gestalt aus einem Fantasy-Reich und endlich auch ein ebenbürtiger Partner für die Sagengestalt Undine. Nur eines von vielen Motiven, über das man nach Petzolds Film weiter nachdenken will. 

Robert Weixlbaumer