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14.8.
  • 19:30
0
Genre
Italo-Western
Regie
Sergio Leone
Dauer
162
FSK
16
Land
Italien, USA
Jahr
1968

BITTE - besorgen Sie sich für diese Veranstaltung ONLINE TICKETS, um die Einhaltung der Hygienevorschriften zu erleichtern. Der Einlass ins Kino findet eine halbe Stune vor Vorführungsbeginn über den Seiteneingang statt, bitte nur in den Reiehn mit rotem Punkt platz nehmen und zwichen Haushalten 2-3 Stühe frei lassen. Außer an dem Ihnen zugewiesenen Platz bitten wir Sie, im Haus Maske zu tragen. Eine Möglichkeit, ein Getränk zu kaufen, wird es im Kinosaal geben. Nach Beginn der Vorstellung: KEIN EINLASS!
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Ennio Morricone zu Ehren: Spiel mir das Lied vom Tod


Einige seiner berühmtesten Filmmusiken entstanden, bevor er auch nur eine einzige Szene gesehen hatte. Ennio Morricone verstand es, Drehbücher so genau zu lesen, dass in seinem Kopf schon die Töne zu tanzen begannen. Anders als die meisten seiner Kollegen, musste er nicht mit der Stoppuhr komponieren. Er ahnte die Filme voraus. Um den großen Meister zu ehren, stoßen wir natürlich auch gemeinsam an und schwippsen die Traurgkeit away.

Gute Filmmusik verschmilzt mit dem Geschehen auf der Leinwand so untrennbar wie die Bewegung der Kamera. Für Tempo und Rhythmus einer Szene ist sie so wichtig wie der Schnitt. Und manchen Schauspieler stellte sie schon vor die heimliche Frage, wer denn nun im entscheidenden Augenblick wirklich dem Publikum die Tränen in die Augen treibt.

Für Ennio Morricones Filmmusik war all das selbstverständlich, aber sie gab sich mit diesen Wundern nicht zufrieden. Unabhängig von der Leinwand entfaltete sie ein Eigenleben wie wohl kein Werk eines anderen Filmkomponisten. Wie Arien aus italienischen Opern, denen sie an Emotionalität nicht nachstehen, wirken Morricones klassische Themen für „Cinema Paradiso“ oder „The Ballad of Sacco and Vanzetti“ auch ohne den ursprünglichen narrativen Kontext.

Die Macht seiner Musik muss wohl schon jener deutsche Verleiher erahnt haben, der den Titel von Sergio Leones „C’era una volta il west“ („Es war einmal der Westen“) änderte in „Spiel mir das Lied vom Tod“: Erst Morricones Filmmusik bahnte den epischen Bildern den Weg unter die Haut und hatte sie wohl schon zuvor entscheidend inspiriert: Weite Teile seiner leitmotivischen Komposition hatte der Komponist bereits vorab geliefert. So konnte Leone sie bei den Dreharbeiten spielen und die Schauspieler wie zu Stummfilmzeiten während der Arbeit in die entsprechende Stimmung versetzen. So wie das seit 1971 zehn Millionen Mal verkaufte Soundtrack-Album wiederum ins Leben mehrerer Generationen abstrahlte. 

Die Dimensionen seines Werks lassen sich lediglich grob schätzen. Um die 500 Soundtracks für Film und Fernsehen sollen in mehr als 50 Jahren zusammengekommen sein, ein Weltrekord. Zwischen 1965 und 1973, einer glanzvollen Epoche des italienischen Kinos, die nicht nur den Italo-Western hervorbrachte, erfüllte er um die 150 Kompositionsaufträge. 

Morricone war damals so beschäftigt, dass er das Dirigieren oftmals anderen überlassen musste. In seinen späten Jahren hatte er Gelegenheit, etwas davon nachzuholen: In großen Sporthallen ließ er sich mit gewaltigen Orchestern und Chören feiern, doch wer ihm wirklich nahekommen wollte, hatte dazu die beste Gelegenheit bei den ersten Ausgaben des Filmfestivals Rom in den 2000er Jahren. Jede Preisverleihung war ein Morricone-Konzert. Spielerisch rekonstruierte er Aufnahmeeffekte akustisch für das Live-Publikum; für die Stereowirkung von „Es war einmal in Amerika“ platzierte er gleich zwei Harfenistinnen links und rechts am Bühnenrand.

Morricone-Stil zwischen Minimalismus und Maximalismus angesiedelt

Der Morricone-Stil lebt vom Wechsel zwischen Minimalismus und Maximalismus. So wie der einsamen Mundharmonika in „Spiel mir das Lied vom Tod“ ein Chor aus wortlosen Frauenstimmen (im Thema der Claudia-Cardinale-Figur) entgegensteht, nutzte Morricone stets den großen dynamischen Rahmen. Lyrische Melodik, die Verbindung folkloristischer Instrumente und klassischer Sinfonik sowie ein pointierter Einsatz menschlicher Stimmen bestimmen seinen Stil. Zu den prägnantesten Eigenheiten zählt auch die Wahl ungewöhnlich langsamer Tempi, auch bei hochdramatischen Szenen. 

Vieles davon findet man bereits bei seinem Hochschullehrer angelegt, dem bedeutenden italienischen Komponisten Goffredo Petrassi: Ausgehend vom Neoklassizismus zeigte sich sein Werk offen für die Neuerungen der atonalen Musik und betrieb eine Wiederentdeckung von Madrigalchören. 

Bereits Mitte der 50er Jahre, nach Abschluss seines Studiums, etablierte sich Morricone in der zeitgenössischen Konzertmusik. Dann aber übernahm ein nach damaliger Auffassung profanerer Nebenjob den Großteil seiner Schaffenskraft: Als Arrangeur beeinflusste Morricone maßgeblich den Klang der italienischen Popmusik der 60er Jahre. Seine eigene Begabung, eingängige Melodien förmlich aus dem Ärmel zu schütteln, wurde durch die Beschäftigung mit dem sonoren italienischen San-Remo-Schlager beflügelt. Lange bevor es mit der Postmoderne ein Wort dafür gab, bediente sich Morricone wie selbstverständlich im musikalischen Erbe der gesamten Kulturgeschichte. 

Ennio Morricone: Auch an „Für eine Handvoll Dollar" beteiligt

So wenig sich der Italo-Western um die Hollywood-Konventionen in der Filmsprache scherte, so wenig kümmerte sich Morricone um die historische Treue des musikalischen Materials oder seiner Instrumentierung. Das berühmte Titelmotiv aus „Für eine Handvoll Dollar“ (1964) wird zunächst zur Gitarrenbegleitung gepfiffen. Bei jedem Chorus erfährt es eine dramaturgische Steigerung: welch provokanter Anachronismus, Jahre bevor an anderem Ort Bob Dylans elektrifizierter Folk-Rock eine Palastrevolution auslösen sollte. 

„Ich schreibe Musik so, wie andere Leute Briefe schrieben“, sagte Morricone einmal. Tatsächlich schien er schneller zu produzieren als seine ersten internationalen Fans überhaupt seine vielen Alben auftreiben konnten – oft ohne die Filme zu kennen, die vielfach nur in Italien liefen. In den 90er Jahren erreichten die Soundtrack-Alben zu obskuren Filmen Höchstpreise – DJs, die ihre Fans überraschen wollten, überboten sich dabei gegenseitig. 

Der „Super-Morricone-Fan“ Quentin Tarantino

Als „Super-Fan“ stach dabei der Filmemacher Quentin Tarantino hervor, auch wenn Morricone die freie Verwendung seiner alten Themen in dessen Filmen kritisch sah. Ohnehin hatte ihm Hollywood lange die verdiente Anerkennung versagt. Erst 2006 erhielt er einen Oscar für sein Lebenswerk, nachdem er für so bedeutende Musiken wie „Days of Heaven“, „The Mission“ oder „The Untouchables“ lediglich nominiert worden war. Dann war es aber wiederum Tarantino, der seinem hochbetagten Lieblingskomponisten Gelegenheit gab, doch noch einen „richtigen“ Oscar zu gewinnen. Tatsächlich rundet sich sein sperriges Western-Kammerspiel „The Hateful Eight“ erst durch die Musik. 

Es dauert bis zum letzten Akt, bis sich Morricones Kunst komplett entfaltet. In einem westerntypischen Gemischtwarenladen hat der Film sein gespenstisches Zuhause gefunden. Im Keller lauert ein Schütze, welcher der Reisegesellschaft durch die Dielen zusetzt. Ein gespenstisch langsamer Shoot-out kündigt sich an, doch das Quälendste daran sind die kühnen Dissonanzen in Morricones Filmmusik. Im Intervall von einer kleinen Sekunde reiben sich Einzelstimmen aneinander, in der Tonmischung kunstvoll verteilt jenseits der Ränder des überbreiten Kinobilds. Es ist der gleiche Effekt, wie ihn Morricone beim Konzert in Rom mit den beiden Harfen erzielte. 

Immer wieder hatte sich Morricone in seiner langen Karriere die Frage gestellt, wie viel Avantgarde er dem Publikum im populären Kino zumuten dürfe. Das Publikum, so war er überzeugt, könne keine neue musikalische Botschaft im Kino verstehen. „Es muss einen Kontrakt zwischen Kino und Publikum geben. Es muss einen Versuch und den Willen geben, das Publikum verstehen zu lassen.“ Tatsächlich war das, was dem Modernisten Morricone als Zurücknahme seiner ganzen Möglichkeiten erschien, die eigentliche Revolution. Ennio Morricone hat das Kino klingen lassen wie nie zuvor. Und seine Soundtracks haben Millionen das Hören gelehrt. 

Am frühen Montag ist Ennio Morricone 91-jährig gestorben, nachdem er wegen eines Hüftbruchs in ein römisches Krankenhaus gekommen war.

(Daniel Kothenschulte)